Hannes war empört. Zum zweiten Mal, innerhalb weniger Tage, hatte sich ein Dieb am Gemüse vergriffen. Nicht nur einfach gestohlen hatte er Karotten, Rüben und Kohlrabi, nein, er hatte das Gemüse bis auf die Blätter aufgegessen, um dann Stiele und Blätter tief im Boden steckend zurück zu lassen. So dreiste Diebstähle, hatte Hannes noch nie erlebt.

Orangefarbene Karotten stecken im Boden und haben oben lange grüne Blätter.Nicht nur auf diese Karotten haben es Gemüsediebe abgesehen.Der Maulwurf machte sich auf, seine Freunde zu suchen. Ob sie vielleicht...?
Nein, Igelli und Sara würden nicht einfach so Gemüse stehlen. Das hatten sie auch gar nicht nötig. Wenn sie etwas brauchten, sagten sie Bescheid und nahmen es sich. Aber vielleicht hatten sie ja etwas beobachtet, das helfen konnte, den Dieb zu überführen.

Er fand die Beiden im Gewächshaus, wo sie Gurken- und Tomatenpflanzen Wasser gaben.
„Hier seid Ihr ja!“ begrüßte er die Freunde „Könnt Ihr mir vielleicht helfen, herauszufinden, wer unser ganzes Gemüse zu stehlen versucht?“
Erschrocken sahen ihn Regenwurm und Igel an.
„Jemand stiehlt das Gemüse?“ keuchte Sara fassungslos.
„Wer macht so etwas denn?“ auch Igelli war erschüttert.
Hannes erklärte, was er in den letzten Tagen immer wieder beobachtet hatte und seine Freunde schüttelten noch immer schockiert die Köpfe.

„Heute fehlen wieder Karotten. Nur noch die krautigen Blätter stecken im Boden. Zieht man sie heraus, sieht man, wie die Wurzel komplett abgenagt wurde. Kommt mit, ich zeige es Euch.“
Und dann zogen die drei Freunde los, zum Beet mit den Wurzelgemüsen.
Schon von Weitem erkannte Hannes, dass sich in der kurzen Zeit seiner Abwesenheit, erneut ein Dieb an den Karotten zu schaffen gemacht hatte. Von mindestens Zweien schaute nur nur das Grün aus der Erde.
Verzweifelt ruderte er mit den Armen in der Luft. Sara und Hannes trauten ihren Augen kaum. So etwas hatten sie tatsächlich auch noch nicht gesehen.

„Vielleicht,“ dachte Igelli etwas lauter und schaute Hannes und Sara dabei verschwörerisch an „sollten wir versuchen, dem Dieb eine Falle zu stellen. Wir tun so, als gingen wir wieder weg, verstecken uns aber in den Büschen und beobachten die Beete. Wenn der Dieb dann wiederkommt, ertappen wir ihn auf frischer Tat.“
Ja, das war eine gute Idee! Gemeinsam schlichen sie zu den dichten Büschen, verbargen sich zwischen den Blättern und Zweigen und hielten Ausschau, aus welcher Richtung der Dieb vielleicht kommen würde.
Eine Zeit geschah nichts. Fast sah es so aus, als käme der Dieb heute nicht mehr zurück. Weit und breit war niemand zu sehen.
Plötzlich zischte Sara den Freunden leise und aufgeregt zu: „Hannes, Igelli, schaut, dort, auf dem Beet!“
Sie folgten ihrem Blick und erschraken. Das Grün einer Karotte zitterte, wackelte, ruckte und verschwand immer weiter im Boden.

Hannes sprang auf. „Was, verflixt noch mal, ist das denn? Ein unsichtbarer Dieb?“ ein wenig verspürte er Angst. Spukte es etwa im Lehrgarten?
„Unsichtbar vielleicht nicht,“ antwortete Sara grüblerisch „aber möglicherweise haben wir den Dieb an falscher Stelle, oberirdisch, erwartet.“
Igelli schlug sich die Hand vor den Kopf. „Aber natürlich, das ist es, der Dieb kommt unterirdisch an das Gemüse und futtert es an Ort und Stelle, um dann weiter zu ziehen!“
„Da habe ich eventuell sogar einen Verdacht.“ raunte Hannes und stürmte los, so dass seine Freunde ihm kaum folgen konnten.
Dort, wo nur noch das Grün der Karotten aus dem Boden schaute, stürzte er sich auf die Erde und begann sofort zu graben, was mit seinen schaufelartigen Händen blitzschnell ging. Und nur einen Augenblick später richtete er sich triumphierend auf, um gleichzeitig in die Erde zu zeigen.
„Gänge,“ keuchte er atemlos „da sind Gänge unter dem Gemüse! Durch die muss der Dieb kommen.“

Sara und Igelli steckten ihre Köpfe über dem Loch zusammen und nickten zustimmend.
„Aber wer...?“ fragten sie fast gleichzeitig.
„Ein Maulwurf jedenfalls nicht.“ stellte Hannes fest „Allein die Form der Gänge passt nicht zu uns. Diese sind oval, unsere rund.“
„Ovale Form der Gänge?“ Igelli dachte nach. Da kam ihm etwas bekannt vor. Hatte er nicht erst vor kurzem genau davon gelesen? Angestrengt versuchte er sich zu erinnern und stieß plötzlich hervor: „Wühlmäuse, das sind Gänge von Wühlmäusen!“
Hannes riss die Augen weit auf. Ja, natürlich, Igelli hatte Recht, das konnten nur Wühlmäuse sein.
„Jetzt wissen wir, wer das Gemüse stiehlt, aber nicht, wie wir die Diebstähle verhindern sollen.“ warf Sara etwas resigniert ein, aber Igelli erinnerte sich immer besser an das, was er gelesen hatte. Und so konnte er seinen Freunden schon eine Menge über Wühlmäuse und deren Vertreibung im Garten erzählen.
Sie waren sich einig, dass sie keine Fallen aufstellen wollten. Aber unternehmen mussten sie etwas, wenn nicht das ganze Gemüse weggefressen werden sollte.

„Man kann Pflanzen nahe der Beete setzen, deren Wurzeln einen Geruch verströmen, den die Wühlmäuse nicht mögen.“ erklärte Igelli Hannes und Sara „Zum Beispiel mit Knoblauch. Den setzt man allerdings gleich mit der Saat des Gemüses, denn er entfaltet erst seine Wirkung, wenn er sich bereits zur Pflanze entwickelt hat. Dann gibt es noch Tagetes. Deren Wurzelgeruch mögen Wühlmäuse auch nicht. Allerdings lieben Nacktschnecken die Blätter und Blüten von Tagetes. Es könnte also sein, dass man die Wühlmäuse mit den Tagetes abschreckt, aber Nacktschnecken damit anlockt. Eine weitere Pflanze, die Wühlmäuse nicht riechen mögen, ist die Kaiserkrone. Sie wird groß, breit und blüht wunderschön. Allerdings eignet sie sich eher als Bepflanzung am Rand oder in der Nähe des Gemüsebeets, da sie auch Platz benötigt.“
Im Gemüsebeet, zwischen zwei grünen Blättern sitzt eine Wühlhaus. Sie hat einen weißen Bauch sowie einen braunen Rücken.Eine im Gemüsebeet versteckte Wühlmaus„Kann man sonst nichts gegen die Wühlmäuse tun, als diese Pflanzen zu setzen?“ fragte Sara nach.
„Doch, früher schworen die Gärtner darauf, Dinge in die Gänge zu stopfen, die für Wühlmäuse als stinkend empfunden werden.“ antwortete Igelli „Dabei stopfte man vergammelten Fisch, Hunde- oder Katzenhaare, saure Milch und vieles Anderes, was unangenehm riecht hinein. Einige schworen darauf, Andere bemerkten kaum Erfolge. Bei ihnen fraßen die Wühlmäuse fleißig weiter das Gemüse. Heute benutzen einige Gärtner Buttersäure, die sie auf kleine Tücher tropfen, in die Gänge legen und die dann wieder verschließen. Das stinkt nach faulen Eiern, wie eine Stinkbombe und ist nicht nur für Wühlmäuse unangenehm. Diese kleinen Tücher sollte man aber immer wieder auch entfernen. Was man auch in die Gänge legt, muss man schließlich immer beachten, dass man dem Boden nicht schadet. Daher sind Mischungen aus Reinigungsmittel auch nicht geeignet, denn die hinterlassen ihre Spuren in der Erde, die dann vom Gemüse wieder aufgenommen werden, welches wir dann essen.“

Hannes dachte nach. „Und einfach die Kanten der Beete tiefer in die Erde setzen, so dass die Wühlmäuse nicht mehr ungehindert bis zum Gemüse graben können?“
Igelli wiegte den Kopf hin und her. „Eigentlich ist das auch eine Idee. Allerdings bewegen sich Wühlmäuse nicht nur unter der Erde fort. Sie könnten also oberirdisch auf die Beete kommen und dort einfach neue Gänge anlegen. Allerdings habe ich auch gelesen, dass Wühlmäuse sehr schreckhaft sind und Krach gar nicht mögen. Das erklärt auch, warum man ihre Diebstähle nur beobachtet, wenn man sich ganz leise verhält.“

Jetzt hatte Hannes eine Idee. Sie mussten etwas finden, was genug Krach machte, um die Wühlmäuse zu erschrecken und da wusste er auch schon was. Er winkte seine Freunde nah heran, flüsterte ihnen seinen Plan zu, alle kicherten und schwärmten dann aus, um zu holen, was sie brauchten.
Wenige Stunden später standen sie vor dem Beet mit dem Wurzelgemüse und betrachteten stolz ihr Werk. In regelmäßigen Abständen hatten sie leere Glasflaschen, mit der Öffnung nach oben, in die Erde eingelassen. Schon ein leichter Wind genügte, um einen dumpfen Ton erklingen zu lassen, der ein bisschen wie das Nebelhorn ein Schiffes klang. Nur leiser.
Außerdem steckten einige Metallrohre im Boden und darin bunte Windräder. Blies der Wind die Räder an, wackelten ihre Stiele in den Rohren hin und her, was ein leises Klackern verursachte.

Es war nicht nur praktisch, sondern sah auch noch hübsch aus. Und die Metallrohre verstärkten unterirdisch die Geräusche.
Alle Wühlmäuse ließen sich in diesem Sommer nicht abschrecken. Hin und wieder entdeckten die Freunde schon noch Grün von Gemüsepflanzen, das abgenagt in oder auf der Erde lag. Aber zumindest räuberten die Wühlmäuse nicht mehr so sehr, dass Hannes, Igelli und Sara um die gesamte Ernte bangen mussten.

Text: Sylvia Koppermann
Bild "Wühlmaus": Samy13 / pixelio.de