Eigentlich war Hannes furchtbar müde und hatte vor, noch mindestens bis Mittag zu schlafen. Kein Wunder, hatte er doch die halbe Nacht gegraben, um neue Gänge für die Vorratskammer anzulegen. Als er im Morgengrauen in seine Schlafhöhle kroch und sich auf das kuschelige Lager aus Blättern rollte, schaffte er es kaum noch herzhaft zu gähnen, so schnell schlief er ein.

 Auf diesem Feld ist nichts außer dem Boden zu sehen.Ohje, hier wurden die Pflanzschilder nach der Aussaat herausgezogen.Gerade hatte er einen wunderschönen Traum. Hannes, Igelli Igel, Sara Wurm und Kinder, die den Lehrgarten besuchten, tollten über die Wiese, spielten, lachten und genossen die wärmende Sonne.
Naja, nicht alle. Sara blieb lieber im Schatten eines Apfelbaums, denn die Sonne tat ihrer empfindlichen Haut nicht gut. Aber Spaß hatte sie trotzdem. Sie feuerte ihre Freunde und die Kinder an, lachte über die wilden Hüpfer und als ein paar Kinder sich mit gepflückten Blumen zu ihr setzten und Sara fragten, ob sie ihnen zeigen könnte, wie man einen Blütenkranz flechtet, freute sie sich, den Kindern erklären zu können, wie man die Stängel ineinander steckt.

Gerade hatte sich Hannes rücklings ins Gras fallen lassen und kicherte ganz außer Atem, als er Igellis Stimme hörte.
„Ach du meine Güte!“ und „Was mache ich denn nur?“ Irgendwie passte das nicht in Hannes fröhlichen Traum.
„Herrje, wie soll ich denn nun...? Die Kinder kommen doch gleich!“ Igellis Stimme klang richtig verzweifelt.
Und Hannes wunderte sich noch mehr. Wieso sollten die Kinder gleich kommen? Sie waren doch schon da. Doch so langsam dämmerte es ihm. Igellis Ratlosigkeit war echt, nicht in Hannes Traum.
Es fiel dem Maulwurf nicht leicht, richtig aufzuwachen. Wirklich lange hatte er ja noch nicht geschlafen. Aber Igelli schien Hilfe zu brauchen.

Hannes rieb sich die Augen und kroch dann gähnend an die Erdoberfläche. Die Sonne blendete ihn für einen Moment, so dass er Igelli nicht gleich sehen konnte. Aber er hörte seine Stimme, die erneut verzweifelt klang.
„Was sage ich den Kindern nur?“
Träge drehte Hannes den Kopf in die Richtung, aus der Igellis Stimme kam.
„Was ist denn los, mein stacheliger Freund? Du klingst, als bist Du in echter Not!“ langsam gewöhnten sich Hannes Augen an das helle Tageslicht und immer mehr konnte er die Umgebung erkennen.
Igelli Igel stand vor einem der kleinen Beete im Lehrgarten, hielt etwas in der Hand, schaute immer wieder kopfschüttelnd auf die jungen Pflanzen vor sich und kratzte sich den Kopf.

Gemächlich kroch Hannes nun aus dem Gang, streckte sich, klopfte sich die Erde von der Hose und schlurfte zu seinem Freund. Als er bei Igelli ankam, steckte unweit von ihnen auch Sara Wurm den Kopf aus dem Boden.
„Was ist denn los?“ fragte sie erstaunt und schaute zu ihren beiden Freunden hinauf.
Igelli Igel seufzte schwer und hob dann die Schilder hoch, die er in seiner Hand hielt.
„Die Kinder haben hier vor kurzem doch Gemüse gesät. Irgendjemand hat die Schildchen, mit denen die Saatreihen gekennzeichnet wurden, herausgezogen. Und nun weiß ich nicht mehr, was wo wächst. Da werden die Kinder sehr traurig sein, wenn sie nicht wissen, wo das gedeiht, was sie gesät haben!“ bedrückt schaute Igelli zu Boden, während Hannes und Sara das Beet betrachteten.
Drei ordentliche Reihen junges Gemüse standen dort.

„Welche Sorten habt Ihr denn gesät?“ fragte Sara den stacheligen Freund, der einen Moment überlegte, kurz auf die Schilder in seiner Hand schaute und dann antwortete: „Möhren, Zwiebeln und Mangold.“
Hannes lächelte.
„Igelli, das wäre doch gelacht, wenn wir nicht die Schilder wieder an die richtigen Reihen stecken könnten, oder? Schau, man erkennt super den Mangold, dessen hohe Blätter alle anderen Pflanzen überragen.“
Ein grünes Mangoldblatt wird durch die Sonne angestrahlt. Im Blatt leuchten die roten Adern auf.Dieses Mangoldblatt hat rote Adern, welche bei Sonneneinstrahlung wunderschön zur Geltung kommen.Der Igel betrachtete das Gemüse, dachte kurz nach und begann dann zu lächeln.

„Ja, Hannes, Du hast Recht! Den Mangold kann man gut von den anderen Pflanzen unterscheiden. Seine Blätter sind dicht, hoch und breit, haben dicke Stiele. Ja, den Mangold erkenne ich.“ sprach's und bückte sich, um das Schild mit der Aufschrift „Mangold“ am Ende der Reihe in den Boden zu stecken.
„Fehlen nur noch die Möhren und Zwiebeln.“ merkte Sara an „Nun, ich könnte unter der Erde schauen, was nun welches Gemüse ist, aber ich denke, man kann auch am Blatt erkennen, was Zwiebeln sind und was Möhren.“
Wieder überlegte Igelli und starrte nachdenklich auf die beiden Reihen Gemüse. Die Blätter sahen tatsächlich völlig unterschiedlich aus. In der einen Reihe wirkten sie wie lange dünne Stängel, die ihn an Lauch erinnerten. Die andere Reihe sah aus, wie eine struppige Linie ungekämmter Haare.
„Ich weiß,“ strahlte Igelli Igel plötzlich „Zwiebeln gehören zu den Lauchgewächsen. Daher sind ihre Blätter auch schmal und lang. Die Möhren haben sehr feine, fiedrige Blätter, die schon fast krautig aussehen. Beides lässt sich gut voneinander unterscheiden.“

Hannes und Sara nickten und Igelli steckte eifrig auch die beiden anderen Schilder in den Boden.
„Eigentlich brauchen wir die Schilder ja gar nicht mehr, jetzt, wo die Saat schon zu richtigen Pflanzen herangewachsen ist.“ bemerkte Igelli „Man kann genau sehen, was wo wächst. Manchmal sollte man seinem Wissen schon etwas mehr vertrauen, meint Ihr nicht?“ wandte der Igel sich an seine Freunde.
Auch sie lächelten.
„Naja,“ antwortete Hannes „das war in diesem Fall auch nicht allzu schwer. Du kanntest ja die Gemüsesorten, die die Kinder gesät haben. Manchmal sehen sich die Blätter aber sehr ähnlich und da wäre ich sicher genauso verzweifelt gewesen, wenn jemand die Schilder herauszieht.“

„Die Kinder werden erstaunt sein, wie toll das Gemüse gewachsen ist.“ stellte Sara fest.
Einen Moment betrachteten sie schweigend die Reihen mit den unterschiedlichen Blättern. Dann machte sich Igelli wieder daran, Vorbereitungen für die Ankunft der Kinder zu treffen, die er mit einem Obstsalat begrüßen wollte. Sara schloss sich dem Igel an, um ihm etwas zur Hand zu gehen und Hannes schlurfte zurück zum Eingang seines Tunnels, um nur Minuten später wieder auf seinem kuscheligen Schlafplatz zu schnarchen.

 

Text: Sylvia Koppermann
Bild "Mangold": Jakob Ehrhardt / pixelio.de